CPEB auf der Orgel

Carl Philipp Emanuel Bach: The Complete Works I/9: Organ Works. Hrsg. von Annette Richards und David Yearsley, Los Altos, California (USA) 2008: The Packard Humanities Institute. $ 20.00. (Info: www.cpebach.org).

Der Band aus der in den USA erscheinenden Gesamtausgabe der Werke Carl Philipp Emanual Bachs enthält die fünf Orgelsonaten (manualiter) Wq 70/2–6 und das Praeludium D-Dur Wq 70/7, sechs Fugen (fünf davon manualiter), davon eine mit einer vorangehenden Fantasie Wq 119/2–7, fünf vierstimmige Choräle (manualiter) H 336/1–5 im Hauptteil sowie drei Kompositionen mit unsicherer Autorzuweisung im Anhang: zwei Choralbearbeitungen aus dem Anhang des BWV und das Trio d-Moll H 352 (alle drei Stücke pedaliter). Das Pedal-Exercitium BWV 598 ist als Faksimile-Abbildung des Autographs und in moderner Übertragung am Schluss des Bandes wiedergegeben. Die Komposition wird in der Forschung eher J. S. als C. Ph. E. Bach zugeschrieben.

Der Band nimmt nur die in den Quellen (auch) der Orgel zugeschriebenen Kompositionen des zweitjüngsten Bach-Sohnes auf; daher fehlt die ohne Instrumentangabe überlieferte Sonate A-Dur Wq 70/1. Im Vorwort listen die Herausgeber sehr sorgfältig alle Quellen auf, die für eine ursprüngliche Bestimmung der Sonaten und Fugen für die Orgel sprechen. Meist sind es Auskünfte an Johann Nikolaus Forkel und Briefe an Verleger. Bach scheint aber eher die Verkäuflichkeit auch an Organisten im Sinn gehabt zu haben und hat bei den Zusammenstellungen der Sonaten (für den Gebrauch der Orgel spielenden Prinzessin Anna Amalia) und Fugen (für den Druck) auf schon vorhandene Kompositionen zurückgegriffen und diese zum Teil nachbearbeitet. In einer der Fugen unterschreitet er den Tasten-/bzw. den Tonumfang der Orgel nach unten, in den Fugen c-Moll und A-Dur oktaviert er manchmal die Bassstimme, um das Thema herauszuheben oder um besondere Klang-Effekte zu erzielen. Dies spricht insgesamt für die Bestimmung dieser Fugen für ein pedalloses Clavier-Instrument. Andererseits sind zwei Takte in der Fuge A-Dur ohne die Zuhilfenahme des Pedals nicht zu bewältigen. Während die anderen Fugen auf jedem Tasteninstrument – also auch der Orgel – darstellbar sind (nur den Schluss der Fuge c-Moll muss man etwas bearbeiten), sind die Fugen Es-Dur und A-Dur Demonstrationen von Bachs kontrapunktischer Kunstfertigkeit. Der Gedanke an eine bequeme Spielbarkeit stand hier bei Bach wohl eher im Hintergrund. Unter die fünf vierstimmigen Choräle aus Bachs Hamburger Schaffenszeit hat sich eine in diese Sammlung nicht recht hineinpassende Nachahmung der aus der Feder seines Vaters stammenden Choralbearbeitung (BWV 691) „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (H 336/4) verirrt. Da eine Manualiter-Wiedergabe nur mit einer „kurzen Bassoktave“ möglich ist (Takt 9), ist es neben dem D-Dur-Praeludium vielleicht das einzige echte Orgelstück. Die erste der beiden Choralbearbeitungen mit unsicherer Autorzuweisung wurde unlängst in zwei Versionen in der Neuen Bach-Ausgabe (NBA IV/10) herausgegeben. Die dort als Hauptquelle benutzte Handschrift aus der Sammlung Scholz scheint den Herausgebern nicht bekannt gewesen zu sein. Bis auf einen falschen Ton in der Fuge Es-Dur (in Takt 51 muss in der dritten Stimme die vierte Note des und nicht d heißen) ist an der Ausgabe nichts zu kritisieren. Hoffen wir, dass ein so wohlfeiler Band gut unter die Leute kommt.

Rüdiger Wilhelm